Pädagogischer Impuls · Schule & Verhalten

Herausforderndes Verhalten in der Grundschule verstehen und begleiten

Wie Lehrkräfte und Eltern hinter Unterrichtsstörungen schauen, Bewegungsbedürfnisse ernst nehmen und gleichzeitig klare Grenzen halten.

Barbara Monte, Resilienz- und Selbstbehauptungstrainerin

Von Barbara Monte

Resilienz- und Selbstbehauptungstrainerin · ·

Grundschüler wirft einen Bleistift vor einer Schultafel

Herausforderndes Verhalten in der Grundschule bindet Aufmerksamkeit, verunsichert Mitschüler und bringt Lehrkräfte an Grenzen. Gleichzeitig erzählt es häufig von Anforderungen, die ein Kind noch nicht bewältigen kann. Dieser pädagogische Impuls fragt deshalb nicht nur, wie störendes Verhalten beendet werden kann, sondern auch, was dahinterliegen und konkret helfen könnte.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Verhalten ernst nehmen, ohne das Kind vorschnell zu etikettieren.
  • Alle Kinder haben ein Recht auf Sicherheit und ungestörtes Lernen.
  • Zwei auffällige Wochen reichen nicht aus, um eine Diagnose zu stellen.
  • Bewegungsmöglichkeiten und angepasste Aufgaben können wertvolle Beobachtungen ermöglichen.
  • Tragfähige Lösungen brauchen ein Team und dürfen nicht allein auf einer Lehrkraft lasten.

Herausforderndes Verhalten in der Grundschule: eine Situation aus dem Schulalltag

Eine Lehramtsstudentin absolviert derzeit ein dreiwöchiges Praktikum an einer Grundschule. In einem persönlichen Gespräch berichtete sie mir von einer Situation, die mich noch lange beschäftigt hat.

Sie begleitet eine jahrgangsgemischte Klasse, in der Kinder der Klassenstufen eins bis drei gemeinsam lernen. Rund 25 Kinder sitzen dort zusammen. Mehrere von ihnen benötigen im Schulalltag besonders intensive Begleitung.

Einer dieser Schüler ist sechs Jahre alt und erst seit etwa zwei Wochen in der Klasse. Seine bisherige Klasse wurde aufgelöst, die Kinder wurden auf verschiedene andere Klassen verteilt. Für ihn bedeutet das: eine neue Schule, neue Erwachsene, neue Kinder, neue Regeln und erneut die Aufgabe, irgendwo seinen Platz zu finden.

Doch genau das gelingt ihm im Moment kaum. Er steht während des Unterrichts auf, läuft durch den Raum, unterbricht, provoziert und bringt andere Kinder aus der Ruhe. Manchmal verängstigt oder bedroht er sie. Er schafft es offenbar nur schwer, längere Zeit an seinem Platz zu bleiben.

Und langsam entsteht ein Bild von ihm: der Störenfried, der Klassenclown, der Hampelmann, der Junge, der immer alles durcheinanderbringt. Dabei ist er gerade einmal sechs Jahre alt.

Was wir bei Unterrichtsstörungen sehen

Wir sehen ein Kind, das den Unterricht stört. Wir sehen Kinder, die sich nicht mehr konzentrieren können oder sich sogar fürchten. Wir sehen eine Lehrerin, die gleichzeitig unterrichten, erklären, schützen, beruhigen, beobachten und Grenzen setzen soll. Und wir sehen, wie schnell eine einzelne Situation eine ganze Klasse bindet.

Dass eine Lehrkraft dabei an ihre Grenzen kommt, ist kein persönliches Versagen. Eine einzelne Person kann nicht gleichzeitig 25 Kindern gerecht werden, den Unterricht gestalten und mehrere Kinder durchgehend individuell begleiten.

Im Moment ist die Schulpraktikantin zusätzlich im Klassenzimmer. Das bedeutet vorübergehend ein weiteres Paar Augen und Hände. Doch eine Praktikantin bleibt nur wenige Wochen. Sie ersetzt keine dauerhaft notwendige zweite Fachkraft.

Was wir hinter herausforderndem Verhalten nicht sehen

Im Gespräch über diese Situation kamen wir schnell zu der entscheidenden Frage: Warum verhält sich dieser Junge so?

Nicht, um sein Verhalten zu entschuldigen. Andere Kinder zu bedrohen oder ihnen Angst zu machen, darf nicht einfach hingenommen werden. Aber wenn wir nur versuchen, das sichtbare Verhalten abzustellen, ohne nach seiner Ursache zu fragen, verpassen wir möglicherweise die wichtigste Information.

Was bringt das Kind mit? Hat es in der vorherigen Schule belastende Erfahrungen gemacht? Fühlt es sich in der neuen Klasse noch unsicher? Versteht es die Aufgaben und die sprachlichen Anforderungen? Kann es überhaupt ausdrücken, was es gerade braucht? Ist es überfordert oder vielleicht unterfordert? Braucht sein Körper mehr Bewegung, als der Unterricht im Sitzen zulässt? In welchen Situationen gelingt es ihm bereits, ruhig und aufmerksam zu sein – und was ist dann anders?

Seine motorische Unruhe und Impulsivität könnten auf ADHS hindeuten. Sie könnten aber ebenso andere Gründe haben. Eine Beobachtung im Klassenzimmer und zwei auffällige Wochen reichen nicht aus, um eine Diagnose zu stellen.

Was wir zunächst wirklich wissen, ist nur: Dieses Kind kann die Anforderungen, die gerade an es gestellt werden, noch nicht zuverlässig erfüllen.

Die nächste Frage sollte nicht nur lauten: Wie bringen wir ihn dazu, endlich ruhig zu sein? Sondern auch: Was hindert ihn gerade daran – und was könnte ihm helfen?

Bewegung nicht bestrafen, sondern ermöglichen

Im Gespräch brachte ich ein Beispiel aus einer anderen Grundschule ein, die für Kinder mit einem starken Bewegungsbedürfnis eine einfache Möglichkeit geschaffen hat.

Diese Kinder dürfen nach einem vereinbarten Zeichen kurz aufstehen und sich an einem festen Platz im hinteren Teil des Klassenzimmers bewegen. Sie können dort beispielsweise einige Kniebeugen, Überkreuzbewegungen oder Druckübungen an der Wand machen. Danach kehren sie wieder an ihren Platz zurück.

Ohne Kommentar. Ohne Spott. Ohne dass die ganze Klasse hinschauen muss.

Die Bewegung wird weder zur Belohnung noch zur Strafe. Sie wird zu einem Werkzeug, mit dem das Kind lernt, seinen Körper besser zu regulieren.

Vielleicht wäre eine solche Bewegungsstation auch in dieser Klasse einen Versuch wert. Idealerweise steht sie allen Kindern offen, damit nicht wieder ein einzelner Schüler zum Sonderfall gemacht wird.

Die Regel bleibt klar: Bewegung ist erlaubt. Andere Kinder zu stören, zu bedrohen oder zu verängstigen ist es nicht. Beides darf gleichzeitig gelten.

Vielleicht braucht das Kind nicht mehr Aufgaben, sondern andere

Die Schulpraktikantin schilderte außerdem, dass der Junge häufig gelangweilt und unterfordert wirke. Auch hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Was wäre, wenn die Klasse in Mathematik Aufgabe A bearbeitet und er versuchsweise Aufgabe A+ bekommt? Nicht einfach mehr Aufgaben vom Gleichen, sondern eine anspruchsvollere Variante: eine Knobelaufgabe, einen schwierigeren Rechenweg oder eine offene Fragestellung, bei der er selbst überlegen und ausprobieren muss.

Vielleicht zeigt sich dann, dass er kognitiv bereits weiter ist. Vielleicht verändert sich seine Mitarbeit, sobald ihn eine Aufgabe wirklich fordert.

Das wäre noch kein Beweis für eine Hochbegabung. Aber es wäre eine wertvolle Beobachtung und ein Anlass, seinen Lernstand genauer zu prüfen. Denn Langeweile kann sowohl durch Unterforderung als auch durch Überforderung oder fehlenden persönlichen Bezug zu einer Aufgabe entstehen.

Ein Kind, das schnell rechnet, kann trotzdem Schwierigkeiten mit seiner Impulskontrolle haben. Ein sprachlich starkes Kind kann sich emotional dennoch kaum regulieren. Und eine besondere Begabung schützt nicht davor, gleichzeitig in anderen Bereichen Unterstützung zu benötigen. Kinder passen selten vollständig in eine einzige Schublade.

Verstehen heißt nicht erlauben: klare Grenzen und Unterstützung

Hinter das Verhalten zu schauen bedeutet nicht, jedes Verhalten hinzunehmen. Die anderen Kinder haben ein Recht darauf, sich im Klassenzimmer sicher zu fühlen und ungestört lernen zu können. Die Lehrerin hat ein Recht auf Unterstützung. Und auch der Junge braucht klare, verlässliche Grenzen.

Ein verständnisvoller Blick könnte deshalb so klingen: „Ich sehe, dass du dich bewegen musst. Dafür finden wir eine Möglichkeit.“ Und gleichzeitig: „Ich lasse nicht zu, dass du anderen Kindern Angst machst.“

Kinder brauchen nicht nur Verständnis. Sie brauchen Erwachsene, die ruhig bleiben, Orientierung geben und Grenzen tatsächlich halten können.

Dafür muss die Verantwortung jedoch auf mehreren Schultern liegen. Eine Lehrkraft allein kann eine solche Situation auf Dauer kaum auffangen. Es braucht Beobachtung, Austausch mit den Eltern, schulische Beratung und je nach Bedarf Unterstützung durch Schulsozialarbeit, Sonderpädagogik, Schulpsychologie oder medizinische und therapeutische Fachstellen.

Inklusion gelingt nicht allein dadurch, dass alle Kinder im selben Raum sitzen. Sie braucht Zeit, Personal, geeignete Strukturen und die Möglichkeit, auf unterschiedliche Bedürfnisse zu reagieren.

Fünf Fragen, bevor ein Etikett haften bleibt

Bevor aus einem sechsjährigen Jungen dauerhaft „der Störer“ wird, könnten Erwachsene gemeinsam fragen:

1

Wann tritt das Verhalten besonders häufig auf?

2

Was geschieht unmittelbar davor?

3

Sind die Aufgaben zu leicht, zu schwer oder unverständlich?

4

Was hilft dem Kind, sich wenigstens für kurze Zeit zu regulieren?

5

In welchen Situationen gelingt die Teilnahme bereits gut?

Gerade die letzte Frage ist wichtig. Wenn wir nur noch auf das schauen, was nicht funktioniert, übersehen wir schnell die kleinen Momente, in denen ein Zugang zum Kind bereits gelingt. Und genau dort kann die Veränderung beginnen.

Mein Wunschgedanke für herausfordernde Kinder

Ich wünsche mir, dass wir bei herausfordernden Kindern unsere innere Stopp-Taste drücken, bevor ein Etikett an ihnen haften bleibt.

Nicht jedes auffällige Kind hat ADHS. Nicht jedes gelangweilte Kind ist hochbegabt. Und nicht jedes aggressive Verhalten lässt sich mit einer kurzen Bewegungspause lösen. Aber jedes Verhalten hat einen Hintergrund.

Ein Kind kann andere Kinder verängstigen und gleichzeitig selbst dringend Sicherheit benötigen. Es kann Grenzen überschreiten und trotzdem ein Recht darauf haben, nicht auf seine schwierigsten Momente reduziert zu werden. Es kann eine Lehrkraft an ihre Grenzen bringen, ohne ein schlechtes Kind zu sein.

Dieses Verhalten ist nicht in Ordnung. Und: Du bist trotzdem in Ordnung und wir versuchen herauszufinden, was du brauchst, damit es anders gelingen kann.

Denn manchmal ist ein Kind nicht einfach das Problem in einer Klasse. Manchmal zeigt es uns besonders laut, an welcher Stelle das bestehende System gerade keine passende Antwort hat.

Redaktioneller Hinweis

Die geschilderte Situation beruht auf einem persönlichen Gespräch mit einer Schulpraktikantin. Schule, Lehrkraft und Kinder bleiben unbenannt; einzelne Details wurden zum Schutz aller Beteiligten verallgemeinert. Der Artikel stellt keine Diagnose und keine Beurteilung des Kindes, seiner Familie, der Lehrkraft oder der Schule dar.

Weiterführende Informationen

Barbara Monte, Resilienz- und Selbstbehauptungstrainerin

Über Barbara Monte

Barbara Monte begleitet Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte rund um Resilienz, Selbstbehauptung und emotionale Entwicklung. Mit Stark auf Augenhöhe unterstützt sie Erwachsene dabei, Kinder liebevoll, klar und auf Augenhöhe zu stärken.

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