Frustration & Gefühle
Frustrationstoleranz bei Kindern stärken
Wie Kinder an Fehlern und Enttäuschungen wachsen
Von Barbara Monte
Resilienz- und Selbstbehauptungstrainerin · ·
Das Spiel ist vorbei, das Kind hat verloren – und plötzlich fliegen Spielfiguren durch den Raum. Vielleicht werden die anderen beschuldigt, vielleicht wird das Spielbrett umgeworfen oder das Kind zieht sich wütend zurück.
Erwachsene denken dann schnell: Mein Kind kann einfach nicht verlieren. Manchmal entsteht sogar die Sorge, das Kind sei nicht sozial genug oder benehme sich absichtlich so.
Doch Frustrationstoleranz ist keine Charaktereigenschaft, die ein Kind entweder besitzt oder nicht. Sie entwickelt sich mit der Reifung des Gehirns, mit Sprache, Erfahrung, Vorbildern und verlässlicher Begleitung. Kinder müssen erst lernen, unangenehme Gefühle auszuhalten, ohne von ihnen vollständig gesteuert zu werden.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Frustrationstoleranz ist keine feste Charaktereigenschaft, sondern entwickelt sich.
- Hinter heftigen Reaktionen können Scham, Versagensangst oder ein unsicherer Selbstwert liegen.
- Gefühle dürfen sein – verletzendes oder zerstörerisches Verhalten braucht eine klare Grenze.
- Kinder wachsen nicht ohne Enttäuschungen, sondern durch verlässliche Begleitung hindurch.
- Ehrliches Zutrauen stärkt Selbstwert, Selbstwirksamkeit und den Umgang mit Niederlagen.
Frustrationstoleranz braucht Entwicklung
Wie ein Kind auf eine Niederlage reagiert, hängt zunächst stark von seinem Alter und Entwicklungsstand ab. Gerade in den ersten beiden Lebensjahren fehlen häufig noch die Worte, um Enttäuschung oder Wut auszudrücken. Auch die Fähigkeit, innezuhalten und sich eine andere Reaktion zu überlegen, ist noch nicht ausreichend entwickelt. Das Verhalten ist dann nicht böse gemeint. Dem Kind steht in diesem Moment schlicht noch keine bessere Möglichkeit zur Verfügung.
Zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr geschieht sehr viel gleichzeitig. Sprache, Motorik, Gefühlsregulation und soziales Verhalten entwickeln sich in großen Schritten. Gleichzeitig lernen Kinder durch Beobachtung. Sie sehen sehr genau, wie die Erwachsenen in ihrem Umfeld mit Fehlern, Niederlagen und Enttäuschungen umgehen.
Auch von einem Grundschulkind können wir nicht erwarten, dass es jede Frustration bereits sicher bewältigt. Hinter einer heftigen Reaktion kann sehr viel liegen, das wir auf den ersten Blick nicht sehen.
Das Eisbergmodell hilft beim Verstehen
Beim Eisberg sehen wir nur die Spitze über dem Wasser. Genauso nehmen wir bei einem Kind zunächst nur das sichtbare Verhalten wahr: Es wird laut, gibt anderen die Schuld, wirft etwas um, versteckt sich oder gibt auf.
Unter der Oberfläche können jedoch Scham, Versagensangst, ein unsicherer Selbstwert oder die Sorge liegen, ausgelacht zu werden. Vielleicht vergleicht sich das Kind stark mit anderen. Vielleicht hat es bisher wenig Unterstützung dabei erfahren, Fehler auszuhalten. Oder es hat immer wieder gehört, dass es etwas ohnehin nicht kann.
Bevor wir ein Kind nach seinem Verhalten beurteilen, lohnt sich deshalb die Frage: Was könnte unter der sichtbaren Spitze liegen? Ein Kind kann eine Niederlage leichter aushalten, wenn es weiß, dass sein Wert nicht davon abhängt, ob es gewinnt oder etwas sofort schafft.
„Fehler sind die Helfer in unserem Leben.“
Gefühle annehmen und Handlungen begrenzen
Wenn ein Kind mitten im Gefühlssturm steckt, helfen lange Erklärungen kaum. Erwachsene dürfen zunächst selbst ihre innere Stopp-Taste drücken, kurz durchatmen und ruhig bleiben. Dann braucht das Kind eine klare und wertschätzende Grenze: Ich sehe, dass du sehr wütend bist. Wütend sein ist in Ordnung. Ich lasse aber nicht zu, dass du das Spiel kaputt machst.
Die Wut wird damit weder kleingeredet noch bestraft. Gleichzeitig wird verletzendes oder zerstörerisches Verhalten gestoppt. Erst wenn die Anspannung nachgelassen hat, kann das Kind über die Situation nachdenken. Manchen Kindern hilft Bewegung, andere brauchen Ruhe, möchten rennen, in ein Kissen boxen oder sich kurz zurückziehen.
Wenn es möglich ist, sollte das Kind an der Lösung beteiligt werden. Der Erwachsene kann einen Weg weisen und sichere Möglichkeiten anbieten. Findet das Kind jedoch selbst heraus, was ihm hilft, erlebt es Selbstwirksamkeit. Eine selbst gefundene Lösung fühlt sich stimmiger an und wird beim nächsten Mal leichter wieder angenommen.
Kinder nicht vor jeder Enttäuschung schützen
Wir Erwachsenen neigen dazu, Kinder vor unangenehmen Erfahrungen bewahren zu wollen. Beim Spielen lassen wir sie vielleicht absichtlich gewinnen, damit es gar nicht erst zu Frust kommt. Für den Augenblick kann das angenehm sein. Langfristig hilft es dem Kind jedoch nicht.
Niederlagen gehören zu Spielen und zum Leben. Kinder werden nicht stark, indem wir jede Enttäuschung von ihnen fernhalten. Sie werden stark, wenn sie erleben: Ich darf enttäuscht sein. Ich kann diese Situation bewältigen. Und ich bin dabei nicht allein.
Erwachsene sind dabei wichtige Vorbilder. Ein Kind darf sehen, dass auch wir Fehler machen oder uns über eine Niederlage ärgern. Wir können aussprechen: Ich bin gerade enttäuscht, aber das kann passieren. Entscheidend ist, dass wir zeigen, wie Ärger ausgedrückt werden kann, ohne das Spiel zu zerstören oder andere abzuwerten. Ebenso darf Freude sichtbar sein – über den eigenen Erfolg und über den Erfolg des Kindes.
Ein Kind wächst an ehrlichem Zutrauen
Eine Situation aus einem meiner Kurse ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ein fünfjähriges Kind tat sich bei mehreren Übungen schwer. Es war kurz davor aufzugeben, lag zeitweise auf dem Boden oder versteckte sich unter einem Stuhl. Aus seinem Umfeld kannte es bereits entmutigende Zuschreibungen. Es schien die Rolle des Kindes übernommen zu haben, das stört und vieles ohnehin nicht schafft.
Ich entschied mich, ihm eine andere Rolle zu geben, und machte es zu meinem Assistenten. Obwohl ich den Kurs leitete, durfte es mir helfen und Verantwortung übernehmen. Zunächst war es überrascht. Doch innerhalb kurzer Zeit veränderte sich seine Haltung. Das Kind wurde aufmerksam, mutig und ehrgeizig. In seinen Augen war deutlich der Stolz darüber zu sehen, dass ihm etwas zugetraut wurde.
Manchmal braucht ein Kind nicht noch mehr Korrektur, sondern eine neue Erfahrung mit sich selbst: Ich werde gesehen. Jemand traut mir etwas zu. Ich kann wichtig für eine Gruppe sein. Solche Momente stärken den Selbstwert – und damit auch die Fähigkeit, mit Fehlern und Enttäuschungen umzugehen.
Was Eltern konkret sagen können
Trost braucht keine falschen Versprechen. Der Satz „Beim nächsten Mal gewinnst du bestimmt“ kann die nächste Enttäuschung sogar vergrößern, denn niemand weiß, wie das nächste Spiel ausgeht. Hilfreicher ist es, ehrlich zu benennen, was passiert ist, das Gefühl anzuerkennen und eine Wahlmöglichkeit anzubieten.
- Schade, jetzt hast du verloren. Ich sehe, dass dich das sehr ärgert.
- Wütend sein ist in Ordnung. Ich lasse aber nicht zu, dass du etwas kaputt machst.
- Das ist mir auch schon passiert. Du bist mit deiner Enttäuschung nicht allein.
- Möchtest du es noch einmal versuchen oder brauchst du zuerst eine Pause?
- Dieser Moment sagt nicht, was du kannst oder wie wertvoll du bist.
Das Schutzschild stärken
Das innere Schutzschild eines Kindes wächst nicht dadurch, dass immer alles gelingt. Es wächst durch die Erfahrung, auch in schwierigen Momenten angenommen und begleitet zu werden. Ein Kind darf lernen: Ich kann verlieren und trotzdem wertvoll bleiben. Ich kann einen Fehler machen und es noch einmal versuchen. Ich darf Hilfe annehmen und eigene Lösungen finden.
Dabei sollten wir mit Worten vorsichtig umgehen. Kinder hören nicht nur, was wir über eine Situation sagen. Sie übernehmen mit der Zeit auch, was wir ihnen über sich selbst vermitteln. Aus „Du kannst das sowieso nicht“ kann ein innerer Glaubenssatz werden. Ehrliches Zutrauen dagegen öffnet einen Weg zurück in die eigene Kraft.
Mein Wunschgedanke
Ich wünsche mir, dass wir Erwachsene in schwierigen Situationen zuerst unsere innere Stopp-Taste drücken. Kurz innehalten, durchatmen und noch einmal genauer hinschauen, bevor wir reagieren oder ein Kind nach dem ersten Eindruck beurteilen.
Geben wir dem Kind und auch uns selbst die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen und eine eigene Lösung zu finden. Dabei dürfen wir uns immer wieder einen Spiegel vorhalten und fragen: Wie hätte ich mich in diesem Moment gefühlt? Und wie hätte ich vielleicht selbst reagiert?
Über Barbara Monte
Barbara Monte ist Resilienz- und Selbstbehauptungstrainerin und seit 2008 Kindertagespflegeperson. Mit starkaufaugenhoehe begleitet sie Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte rund um Selbstwert, Resilienz, Selbstbehauptung und emotionale Entwicklung.
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